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Von Online-Galerien und Morgen-Ritualen

Der rappelvolle Ausstellungsraum der Galerie Schleicher/Lange in Berlin-Kreuzberg: Den Blick gen Podium gerichtet, folgen die Gäste dem laufenden Gespräch mit einer Mischung aus Interesse und Skepsis. Vor ihnen stehen die curart-Mitgründerin Euphemia v. Kaler zu Lanzenheim, der Sammler und Software-Entwickler Ivo Wessel (iCodeCompany), Luise Gruner vom Start-up Accelerator Plug and Play sowie - via Skype aus London zugeschaltet - artsy's Berlin-Beauftragter Max Schreier Rede und Antwort. Und ich frage die illustre Runde: »Start-up: Wie digital wird der Kunstmarkt?«

 

 

Zahlreiche neue Geschäftsmodelle sind in den letzten Jahren angetreten, um das digitale Potential der Kunstszene auszuloten. curart will als Katalysator wirken; Artprice selbstbewusst die ganze Branche »auf den Kopf stellen«. Doch wie revolutionär ist das Online-Business mit der Kunst tatsächlich? Gehen wir bald ins Netz statt in die Galerie? Ersetzen JPEGs künftig Wandgemälde?

Online-Galerien wie curart machen es sich zur Aufgabe, insbesondere jene Menschen für Kunst zu begeistern, die normalerweise keinen Fuß in Galerien setzen würden. Von einer direkten Konkurrenz zwischen Online und Offline-Galerien könne also keine Rede sein, unterstreicht Euphemia im Gespräch. Im Idealfall helfen digitale Plattformen eher dabei, Berührungsängste abzubauen und ebnen gar den Weg in die vermeintlich elitäre Kunstwelt. Max beschreibt artsys Mission (die Website füttert Nutzer personalisiert mit News zu Ausstellungen, Künstlern, Galerien und Messen) damit, im Kunstmarkt individuelle Geschmacksbildung und Demokratisierung voranzutreiben. Mit Kant: Artsy will aufklären, um kunstferne Schichten aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Zwar wird die Website unter anderem durch den Mega-Galeristen Larry Gagosian finanziert, der hier wohl weniger ein Bildungsprojekt als eine aussichtsreiche Investition witterte. Dennoch möchte man mit Beifall zustimmen, wenn Max von der Arroganz der Kunstszene spricht und auf die Jungs mit Hoody verweist, die bei Google zwar gute Gehälter einstreichen - von vielen Galerien aber hartnäckig ignoriert werden. Denn was sie verkennen: Die Nerds von damals besitzen heute ungeahnte (Kauf-)Kraft.

Damit Start-ups tatsächlich Erfolge feiern, brauchen sie vor allem ein funktionierendes Team und messbarere Erfolgskriterien, erklärt Luise, die Start-up Teams in mehrmonatigen Programmen begleitet und berät. Zudem müssten Websites ihre Nutzer heute rund um die Uhr mobil begleiten. Zeitgemäß sind sie daher nur im App-Format, ergänzt Ivo Wessel. Einmal auf der Seite gelandet, wollen Nutzer jedoch nicht Zahlen und Tabellen sehen, sondern mit interessanten Geschichten informiert und unterhalten werden. Doch was im Marketingsprech Storytelling heißt und in den Sozialen Medien allgegenwärtig ist, versäumen viele Plattformen im Kunstbereich noch immer, kritisiert der Software-Entwickler. Und fügt hinzu: »Viele junge Leute greifen morgens im Bett eher zum Smartphone als zur Freundin«. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob ich angesichts dieses Befundes lachen oder weinen soll.

Zur Autorin: Thea Dymke betreut in der Geschäftsstelle den medialen Auftritt des BVDG (Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler). Sie konzipiert und moderiert unter anderem die Veranstaltungsreihe »Im Dialog - der BVDG lädt ein«. Fotos: Rica Rosa


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